Schlandbunt: warum wir über Politik statt über Fahnen reden sollten.

Die EM ist vorbei, die Schlanddebatte auch. Bis zum nächsten Sportgroßereignis. Pünktlich mit dem Anbringen von Radkappenschonern, Türfähnchen und Wangentattoos debattierten Grüne, LINKE und die linke Szene insgesamt mal wieder über den Zusammenhang von Patriotismus, Nationalismus, Rassismus und Fußball als Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln. Die Grüne Jugend aus Rheinland-Pfalz hatte wohl die größte Publizität, als sie auf Facebook forderte, die Fahnen runterzunehmen. Zu diesem Post bekam sie mehr als 28.000 zumeist aggressive bis gewaltverherrlichende nationalistische Kommentare, aber auch mehr als 12.000 Likes. Auch die Linksjugend Sachsen postete „Weil es so etwas wie gesunden Patriotismus nicht gibt und niemand stolz auf s1 Land sein kann.“ Und: „Patriotismus ist keine Party“.

Begründet werden die Aktionen in der Regel (etwa hier) mit dem ausgrenzenden Charakter des Fußballtaumels, der sich bei derartigen Turnieren auf die Nation bezieht. Dann spielt nicht die „DFB-Auswahl“, sondern dann spielen „wir“. So redet nicht nur der gemeine Schland-Fan, sondern auch ein Teil der medialen Kommentator*innen in Presse und Funk. Und in Zeiten von Pegida und AfD, von Höckes Deutschlandfahnentheater bei Anne Will und einem brodelnden besorgten Volkszorn kann einem angesichts mehr oder weniger fröhlicher Fahnenorgien angst und bange werden. Dass dieser Taumel auch rassistische Ideologien bis zur Gewalt enthemmt, dass bei vielen Deutschland in Fußballzeiten eine Ersatzdroge ist, wurde nicht nur von Heitmeyer, sondern auch von weiteren Sozialpsycholog*innen  empirisch untersucht.

Man kann trefflich darüber streiten, ob „Nationalmannschaften“ in Zeiten des globalisierten Clubfußballs überhaupt noch irgendeinen Sinn machen. Es steht auch außer Frage, dass Nationalstaaten als Steuerungsebene und Identifikationsmodell an Bedeutung verlieren (werden und sollten). Aber die Frage bleibt, ob der linke Kampf gegen die schwarz-rot-goldene Symbolik zu Fußballereignissen noch das richtige Ziel trifft. Schon zu den WMs 2006 und 2010 gab es skurrile Situationen, als Linke in Kreuzberg die Fahnen zum Hauptfeind erkoren hatten und zumeist die migrantische Community trafen, die mit dem Vorwurf der Deutschtümelei wenig anfangen konnten: „„Wir leben und arbeiten seit Jahrzehnten in Berlin, unsere Kinder sind hier geboren. Wo ist das Problem? Ist doch klar, dass wir zu Deutschland halten. Was hat das mit den Nazis zu tun?“

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